Konzertkritiken: Triumph der Spätromatik, Und der Erzbischof hatte doch recht
Bericht zum politischen Umfeld des Konzerts: Nicht frei von Kontroversen

Bericht auf der Website des Philharmonischen Orchesters Heidelberg
Bilder von Konzert und Proben auf der Website
des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie Koblenz

Nicht frei von Kontroversen

Die Orchester-Diskussion spielte auch beim Jubiläumskonzert eine Rolle

KOBLENZ. Es war das wohl größte Konzert der klassischen Musik in der Geschichte der Stadt Koblenz, sogar des Landes Rheinland-Pfalz - dem Anlass entsprechend. 350 Jahre Orchester in Koblenz wurden gefeiert mit Arnold Schönbergs Gurre-Liedern, ein glanzvolles, festliches, feierliches Ereignis in der ansonsten dem Glanz eher abholden Oberwerth-Halle. Und man fragte sich, wie sich die Orchester-Diskussion in dieser Nacht Raum verschaffen wird.

Nachdem das übliche Sporthallen-Park-Brimborium, das Intendant Rainer Neumann flachsend als "infrastrukturelle Aufgabe für die Stadt Koblenz" bezeichnete, überstanden war, lag diese Diskussion zunächst auf jedem einzelnen Zuschauerplatz in Form einer roten Karte. Der Freundeskreis der Rheinischen Philharmonie und das Musik-Institut Koblenz hatten die Pappen verteilen lassen: Das Minimalziel, "66 finanzierte Planstellen" für das Koblenzer Staatsorchester, wird darauf wieder nachdrücklich formuliert.

Die Zuschauer werden aufgefordert, "noch einmal ein Zeichen zu setzen". Originaltext: "Wir wollen Arnold Schönbergs Gurre-Lieder genießen und das Konzert auf keinen Fall durch laute Protestaktionen stören. Aber wenn Herr Minister Mittler, der statt des zuständigen Ministers Zöllner für den Ministerpräsidenten unseres Landes sprechen wird, seine Rede beendet hat, spenden Sie bitte keinen Beifall, sondern stehen Sie auf und zeigen Herrn Minister Mittler, stellvertretend für den Kultusminister dieses Landes und den Ministerpräsidenten, eine Minute die rote Karte."

Nun, nennenswerten Beifall gab es für Mittler tatsächlich nicht, einige Buh-Rufe hallten durch die Sporthalle, einige rote Karten wurden ihm gezeigt. Mittler hatte von" Anfechtungen in der langen Geschichte" der Koblenzer Orchester gesprochen, hatte dem Staatsorchester aber auch eine gute und starke Zukunft bescheinigt. Dieses "Musikereignis der Superlative" sei ein feiner Beleg für die Leistungskraft des Orchesters.

Als "Ansporn, die musikalische Kultur weiter zu pflegen" bezeichnete auch Oberbürgermeister Dr. Eberhard Schulte-Wissermann das Kolossal-Konzert. Die Geschichte der Koblenzer Orchester sei - seit der kurfürstlichen Hofkapelle - über die Jahrhunderte stets in "Dur und Moll" erzählt worden - doch zum Schluss habe stets die Harmonie gesiegt. Ist dies nun in dieser mit Kraft und Engagement geführten Diskussion um Sparziele und Planstellen, in der fiskalische Erkenntnisse der vergangenen Woche 66 finanzierte Planstellen für die Rheinische Philharmonie möglich erscheinen lassen, wieder so? Schulte-Wissermann warb dafür: Er erinnerte an den Vertrag mit dem Land, der aus der" Rheinischen" ein Staatsorchester werden ließ - "und Verträge sind einzuhalten. Ich bin zuversichtlich, dass das auch geschieht." Als weiteren Erfolg wertete der Stadtchef die Ankündigung, den Theater-Zuschuss aus Mainz wieder auf 40 Prozent festzuschreiben. Für die Stadt formulierte er ein Bekenntnis zum Orchester, wie es klarer hätte kaum ausfallen können: "Wir werden einstehen für das Orchester, dies ist ein Bekenntnis zur großen Musiktradition - ein Bekenntnis, das aus dem Herzen kommt."

Beeindruckend dann das Konzert selbst, das eigentliche Ereignis, dem tausende Zuschauer ergriffen lauschten, schließlich langen Beifall spendeten. Und weil ein Jubiläum, ein solch grandioses zumal, so etwas verlangt, gab es hinterher einen Empfang in der Fechthalle, bei dem natürlich wiederum Situation und Zukunft des Orchesters die Reden und auch die Gespräche drumherum bestimmten wie kaum ein zweites Thema.

Wieder unterstrich unter anderem Herbert Grohe vom Freundeskreis die Forderung nach 66 voll finanzierten Planstellen. Von Kontroversen frei war auch dieser Rahmen nicht.

Tim Kosmetschke


Mehr zum Jubitäumskonzert auf der heutigen Kulturseite im Gesamtteil.


Der riesenhafte Chor: Auch er machte die Gurre-Lieder
in der Sporthalle zu einem einmaligen Erlebnis. Foto: Thomas Frey



Letzter Triumph der Spätromantik

Gigantisches Festkonzert "350 Jahre Orchester Koblenz"
zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt

Einen Musizierapparat so mächtig wie diesen hat Koblenz noch nie erlebt. Zwei philharmonische Orchester, das von hier und das aus Heide[berg, sechs Solisten und zehn Chöre, hiesige sowie aus Bonn/Köln hinzugezogene, waren für das Jubiläumskonzert "350 Jahre Orchester Koblenz" aufgeboten. 600 Mitwirkende stürzten in Koblenz mit Arnold Schönbergs "Gurre-Liedern" gut 3000 Zuhörer in ein Wechselbad zwischen pastoraler Naturschönheit und apokalyptischer Himmelsreiterei.

KOBLENZ. "Schönberg, ist das nicht der mit dieser schrecklich kopflastigen Zwölftonmusik? " Er ist's. Doch in der Koblenzer Großsporthalle Oberwerth kommt der Komponist (1874-1951) an diesem Festabend nicht als Avantgarde-Vertreter des frühen 20. Jahrhunderts zur Geltung. Seine "Gurre-Lieder" - lyrisch ausschweifende Liedkantate, gewaltiges Oratorium und sinfonische Dichtung in einem - präsentieren ihn als auftrumpfenden letzten Sprössling der Spätromantik, der er in jungen Jahren war. Das zweistündige Werk ist berühmt, wird aber schon wegen des Aufwandes äußerst selten aufgeführt Dennoch wirkt es vertraut, was von der Verwandtschaft zum Stile Richard Wagners herrührt; und der Text, der nach den Versen Jens Peter Jacobsens singend erzählt wird, erinnert stark an Tristan und Isolde".

Am Pult wirkt der scheidende Koblenzer Generalmusikdirektor Shao-Chia Lü als Kunstinspirator und Heereskommandeur gleichermaßen. Präzise wie enthusiastisch steuert er den Riesenapparat sicher durch die weiten Flächen den Gesang grundierender, hinterzeichnender, interpretierender Kleinteiligkeit. Wenn John Uhlenkopp mit seinem warmen lyrischen Tenor den König Waldemar zwischen Meereswogen und Waldesrauschen die hohen Momente der Liebe und die tiefe Erschütterung tödlichen Verlustes durchleben lässt, dienen ihm mehr als 150 Instrumentalisten - und behaupten doch zugleich ihre musikalische Eigenbedeutung.

Der Geliebten Tod

Waldemars Glück und Unglück ist Tove, Mädchen aus dem Volk, von Eva-Maria Westbroek in wunderbar mit Uhlenkopps Tenor korrespondierendem weichen, innigen Sopran gesungen. Der geliebten Maid Tod durch die Hand der eifersüchtigen Königin verkündet eine Waldtaube, der auch in den Tiefen beeindruckend volle Mezzo von Kerstin Descher.

In seiner Erschütterung lästert Waldemar Gott und öffnet damit die Schleusen des himmlischen Zorns. Der für den erkrankten Dietrich Fischer-Dieskau eingesprungene designierte Intendant der Mayener Burgfestpiele, Pavel Fieber, gibt sein Bühnendebüt in der Region, beschwört mit theatralischem, rhythmisch versiert schwingendem Sprechgesang das Geschehen. Als wilde Jagd Untoter stürmen Waldemars Mannen &emdash; vom Bauer (Guido Baehr mit hochdramatischem Bariton) und vom Narren (Thomas W. Kuckler mit hell strahlendem Tenor) beobachtet &emdash; durch die Gefilde: Hier nun, im letzten Abschnitt des dreiteiligen, 1913 in Wien uraufgeführten Werkes, kommen die Chöre zum Einsatz, verschmelzen mit dem urgewaltigen Tutti von Rheinischer Philharmonie Koblenz und Philharmonischem Orchester Heidelberg zum tönenden Gebirge spätromantischer Gigantomanie.

Bis dahin galt: Wohl allen, denen der Text gewärtig ist, sie können ergründen und nachvollziehen, was Schönberg da als Wechselspiel zwischen sinnlich raunend, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt musikalisch in den Äther zeichnet. Jetzt gilt: Leg die Dichtung beiseite und tauche ein ins Wogen schließlich im C-Dur-Triumph endender Klanggewalt.

Proteste anbei

Jubel im Fest-Auditorium, der die durch geschickte Technik entschärfte, aber nicht völlig beseitigte Problemakustik dieser Sporthalle ebenso vergessen ließ wie für einen Augenblick die politischen Missstimmungen zu Beginn des Abends. Die Musiker aus Heidelberg etwa staunten nicht schlecht, dass ihre Koblenzer Kollegen mit Protestbuttons am Anzug auf die Bühne gingen, dass der ministerielle Vertreter der rheinland-pfälzischen Landesregierung, Gernot Mittler, für seine Festansprache statt mit Beifall mit Buh-Rufen und dem Hochhalten roter Karten im Publikum (Aufschrift: 66) entlohnt wurde. Denn auch und gerade an diesem Jubiläum, das eine stolze 350-jährige Orchestergeschichte am Ort feierte, konnte der monatelange Protest gegen die Sparpläne des Landes Rheinland-Pfalz für das Koblenzer Orchester nicht spurlos vorüber gehen.

Andreas Pecht



Die FAZ berichtete am Mittwoch, 10. März 2004, in Nr. 59, Seite 42

Und der Erzbischof hatte doch recht

Mit Schönbergs "Gurreliedern" feiert das Koblenzer Orchester seine dreihundertfünfzig Jahre

War dies die letzte Stunde eines Sterns, der noch einmal heller glüht als je zuvor, bevor er erlischt? Glaubt man den Transparenten, die vor der Stadionsporthalle in Koblenz-Oberwerth in Protestabsicht aufgepflanzt worden waren, dann muß es wohl so sein: Koblenz feiert mit Arnold Schönbergs Gurreliedern Höhepunkt und Ende einer glanzvollen dreihundertfünfzigjährigen Orchesterkultur, nun bald zerstört durch die rheinland-pfälzische Landesregierung, die das Staatsorchester Rheinische Philharmonie durch Streichung von elf Planstellen arbeitsunfähig macht. Richtig an diesem Szenario ist einiges, aber nicht alles: Die Stadt Koblenz blickt in diesem Jahr tatsächlich auf eine dreihundertfünfzigjährige Orchestertradition zurück. Mit der Gründung einer kleinen Hofkapelle durch den Trierer Kurfürsten und Erzbischof Carl Caspar von der Uyen 1654 am Ort seiner weltlichen Residenz Koblenz begann eine Geschichte, die von den wechselnden Vorlieben der Fürstbischöfe abhängig war. Ruhm erlangte das Ensemble unter dem letzten trierischen Herrscher Clemens Wenzeslaus, der das Orchester mit der Kapelle des ihm zugefallenen Bistums Augsburg fusionierte und damit auf vierundfünfzig Musiker aufstockte - damals eines der größten Orchester Europas.

Der schwierige Übergang von der höfischen zur bürgerlichen Musikkultur nach der Französischen Revolution gelang vergleichsweise glatt durch die Gründung des "Musik-Instituts" 1808, das sowohl den Fortbestand der Kirchenmusik wie der öffentlichen Konzerte garantierte sein Orchester war Auffangbecken für die in Koblenz verbliebenen Hofmusiker. Das Institut existiert noch heute und war Mitveranstalter des Schönberg-Festkonzerts. 1907 traf die Stadt ein harter Schlag: Das ganze Orchester wanderte ins benachbarte Bonn ab, wo es in städtische Trägerschaft übernommen wurde. Koblenz formte im Gegenzug 1913 ein eigenes städtische-, Orchester, das 1930 infolge der Inflation aufgelöst wurde, aber als selbständiges Ensemble zusammenblieb, bis es 1936 wieder städtisch wurde, um 1945 erneut aufgelöst, aber noch im selben Jahr als Radio-Symphonie-Orchester Koblenz wiedergegründet zu werden, bis der Sender dem neuen Südwestfunk zugeschlagen wurde, das Orchester als Verein überleben mußte, bis 1973 das Land Rheinland-Pfalz das Ensemble als Staatsorchester Rheinische Philharmonie übernahm.

Man könnte meinen, dass eine solch dichte Abfolge existenzieller Krisen zu Hartgesottenheit führt. Dennoch ist man zur Zeit in Koblenz in heller Aufregung. Die vom Geldmangel erzwungene inzwischen beschlossene Neuordnung der Orchester in Koblenz, Mainz und Ludwigshafen (F.A.Z. vom 22. Januar) bedeutet für die Rheinische Philharmonie eine Reduzierung der Planstellen von siebenundsiebzig auf sechsundsechzig. Der Kompromiss war zunächst erleichtert begrüßt worden, bis man herausfand, daß der zur Verfügung stehende Etat nicht für sechsundsechzig Planstellen ausreicht. Freilich sind im öffentlichen Dienst Etat und Stellenplan in der Regel nicht ganz deckungsgleich, wie auch der Generalintendant der rheinland-pfälzischen Staatsorchester, Rainer Neumann, recht gelassen erläutert. Ob das Geld ausreicht, hängt von mehreren Faktoren ab: Ein neu eingestellter Orchestermusiker ist billiger als der altgediente Instrumentalist, den er ersetzt; mehrere Neubesetzungen infolge von Pensionierungen können zu Ersparnissen führen, die für eine weitere Stelle reichen. Der Betrug durch die Landesregierung, den die Koblenzer wittern, muss also keiner sein.

Das beste Argument für einen pfleglichen Umgang mit dem Koblenzer Klangkörper hat indes das Orchester selbst erbracht, als es nun, unterstützt vom Philharmonischen Orchester der Stadt Heidelberg, in die Stadionsporthalle Oberwerth umzog, um seine dreihundertfünfzigjährige Tradition mit Schönbergs Gurreliedern zu feiern. Hier hat man es mit einem Orchester zu tun, das unter seinem Chefdirigenten Shao Chia Lü selbst aufwendigste Partituren glanzvoll zu bewältigen imstande ist, insbesondere die präzisen Streicher bewiesen in allen Gruppen hohe Musizierkultur; ihnen standen Blech und Holz kaum nach. Der von Wolfgang Siegenbrink einstudierte Projektchor setzte sich aus immerhin zehn Chören der Region zusammen und erreichte dennoch erstaunliche Homogenität. Eva Maria Westbroek schwebte als Tove souverän über dem massiven Orchesterklang, ohne dass man allerdings ein Wort verstanden hätte. Dies war um so mehr bei John Uhlenhopp der Fall, der mit bewundernswerter Sorgfalt den Part des Waldemar gestaltete. Kerstin Descher nahm die Partie der Waldtaube ein wenig forciert, während Thomas W. Kuckler als Klaus-Narr durch Helle und Geschmeidigkeit gefiel. Guido Baehr gab dem Bauern mit seinem leuchtenden Bariton überzeugend Kontur-, der für Dietrich Fischer-Dieskau eingesprungene Pavel Fieber schlug sich wacker durch seine Sprecherrolle. Shao-Chia Lü hatte alles im Griff, gestaltete die großangelegten Steigerungen suggestiv und fesselnd.

Hinter der festtäglichen Großanstrengung muß sich das Saison-Programm des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie keineswegs verstecken. Mit seiner Mischung aus Populärem, Klassischem, Entlegenem und Neuem ist es ein gutes Beispiel für das, was die dezentrale Orchesterkultur Deutschlands zu leisten imstande ist. Mit der Stellenkürzung wird das Orchester leben können - verheerend wäre es gewesen, wäre der Plan des Kulturministers Zöllner Wirklichkeit geworden: Er sah den Rückbau des Koblenzer Ensembles und die Fusionierung der Mainzer und Ludwigshafener Orchester zu einem Großensemble "mit internationaler Ausstrahlung" vor (F.A.Z. vom 3. Juli 2003). In einem solchen Plan vereinigten sich Knauserigkeit und Großmannssucht auf leider ganz typische Weise. Jürgen Zöllner war beim Koblenzer Festkonzert nicht zugegen; ein Besuch hätte ihn überzeugen können, dass das international konkurrenzfähige Niveau schon jetzt gesichert ist.

MICHAEL GASSMANN