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Johann Sebastian Bach
Johannes-Passion

in der Trinitatiskirche Köln
Samstag, 1. April 2017, 20 Uhr

Kritik der Zeitschrift OPERAPOINT (Heft 2/2017)

Köln, Trinitatiskirche
Johannes Passion BWV 245 von Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Dirigent Wolfgang Siegenbrink, Rheinischer Kammerchor Köln, Neues Rheinisches Kammerorchester
Solisten: Julia Reckendrees (Sopran) Rena Kleifeld (Alt), Bernhard Schneider (Tenor), Christoph Scheeben (Bass), Rafael Bruck (Bass)
UA: 7. April 1724 Leipzig, Nikolaikirche
Konzertbesuch: 1. April 2017

Vorbemerkung
Die Leidensgeschichte Jesu Christi hat zentrale Bedeutung innerhalb der katholischen und protestantischen Theologie. Johann Sebastian Bach hat sich immer wieder mit der Passion des Apostels Johannes beschäftigt und sie insgesamt viermal aufgeführt. Bei jeder Aufführung änderte er einiges. Meist war der Grund eine Anpassung an neue Gegebenheiten. Es gibt eine Partitur aus seinen letzten Lebensjahren, die alle vorherigen Änderungen berücksichtigt.
Der biblische Passionstext stammt aus dem 18. und 19. Kapitel des Johannes-Evangeliums. Bach ergänzte ihn durch zwei Stellen aus dem Matthäus-Evangelium. Sie zeigen Petrus Verhalten bei Jesu Gefangennahme, schildern das Zerreißen des Vorhangs im Tempel und das Erdbeben. Denn diese Szenen fehlen bei Johannes, aber sie lagen Bach offenbar am Herzen. Die betrachtenden Texte, die
[die] Arien wiedergeben, hat Bach selbst u.a. aus der Passionsdichtung des Hamburger Dichters Barthold Heinrich Brockes Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus und einer Passion von Christian Heinrich Postel entnommen.
Viel wurde und wird über die Größe des Chors und auch des Orchesters gestritten. Der Chor dieser Aufführung entspricht mit seiner Stärke eher nicht der heutigen Auffassung für eine adäquate Wiedergabe. Man nimmt an, daß ein Chor mit weniger als dreißig Choristen und eine gleichgroße Anzahl auch von Instrumentalisten dem Aufführungsstil Bachs am ehesten gerecht würde. Hier aber handelt es sich nicht um einen Chor von Berufssängern, und dieser muss sich gänzlich anderen Voraussetzungen anpassen. Jedenfalls ist es immer bewunderungswürdig, daß Menschen aus einem Nichtmusikerberuf sich den Anstrengungen vieler Chorproben stellen und ihrer Teilnahme mit enormem Enthusiasmus nachkommen. Sie als Laien zu bezeichnen ist eine Kränkung und sollte tunlichst vermieden werden!
Struktur
Die Passion nach dem Evangelisten Johannes hat zwei Teile, die aber ohne Pause dargestellt werden. Ein Evangelist (Tenor) erzählt rezitativisch die Leidensgeschichte. Die Chöre, hier Turba-Chöre genannt, vertreten die Juden einerseits, und die Christen singen die vierstimmigen Choräle, die Jesus Leiden kommentieren. Die Arien, gesungen von einem Sopran, einem Alt und einem Bass geben Betrachtungen (Meditationen) über das Leiden und die Empfindungen der Christen wieder oder kommentieren das Leiden von Jesus am Kreuz. Ein weiterer Bass stellt Jesus dar. Begleitet werden die Sänger durch eine fünfstimmige Streichergruppe, ergänzt von der Bläsergruppe, bestehend aus Flöten, Oboen und Fagotten. Die Orgel stellt zusammen mit Fagott und Violoncello das begleitende Continuo für die Rezitative dar.
Aufführung
Beim ausgedehnten ersten Chor:
Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist werden die Streicher mit ihren fortwährenden 16tel-Noten durch die beiden Flöten und Oboen übertönt. Auch ist die Aussprache im Chor nicht ausgefeilt genug, so dass die Worte kaum verständlich sind. Aber die Inbrunst und die Dynamik der Stimmen, hier sind vor allem die Männerstimmen beim fugierten Einsatz deutlicher vernehmbar, machen den Mangel wieder einigermaßen wett. Es liegt wohl auch an der Zahl der Choristen, wodurch die Durchhörbarkeit geschmälert ist. Und wo soll auch ein nichtprofessioneller Chor die Zeit aufbringen, ausgedehnte Artikulationsübungen zu absolvieren? Bei der Wiederholung des Chors versteht man die Worte besser.
Mit hellem Tenor und guter Artikulation lässt sich danach und dann im gesamten Verlauf der Evangelist (Bernhard Schneider) vernehmen. Klar werden die Chorstimmen verständlich bei der Antwort des Evangelisten:
Wen suchte ihr? Chor: Jesum von Nazareth. Dabei sind zum Glück die Bläser zurückhaltender. Sonor und mit rundem Bass dann Christoph Scheeben (Jesus) mit: Ich hab's euch gesagt, daß ich's bin, sowie der erste, vierstimmige Choral: O große Lieb, o Lieb ohne alle Maße.
Rena Kleifeld (Alt)
Von den Stricken meiner Sünde, mich zu entbinden wird leider zum Teil auch von den Bläsern im Stimmverlauf verdeckt. Ihr Alt ist gut geführt und die Koloraturen kommen genau. Es folgt eine der mitreißendsten Arien: Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten, die Julia Reckendrees (Sopran) behend singt und dabei die Höhen etwas zu stark forciert, aber bei gut gewahrtem Rhythmus und etwas zu salopper Dynamik. Warum sie aber ein so schnelles Tempo nimmt, ist nicht nachvollziehbar, obwohl sie vielleicht Jesus gern schnell folgt. Das gewählte Allegro (nicht vorgeschrieben!) sollte Dirigent Siegenbrink in ein beschwingtes Andante mäßigen. Das Tänzerische, das in vorliegenden 3/8tel Takt steckt, würde deutlicher aufscheinen.
Bass Christoph Scheeben (Jesus), der leider keine Arie
[zu singen hat], sondern nur sich rezitativisch äußert, ist sehr gut in Ausdruck und Verständlichkeit. Die berühmte Rezitativstelle, in der Bach lautmalerisch-rhythmisch mit punktierten 32tel und Triolen die Geißelung andeutet, wird von Bernhard Schneider (Evangelist) rhythmisch zu schnell nivelliert, die Triolen sind nicht wahrnehmbar!
Beeindruckend gestaltet Rafael Bruck die Arien artikulatorisch und dynamisch, einmal bei
Betrachte, meine Seel', mit ängstlichem Vergnügen, die von zwei zauberisch begleitenden Viole d'amore begleitet werden. Sie umspielen auch ebenso gekonnt die anschließende Tenorarie (Bernhard Schneider) in: Erwäge wie sein blutgefärbter Rücken in allen Stücken dem Himmel gleiche (Regenbogenmetapher) im Rhythmus von Chorjamben. Das immer dramatischer werdende Geschehen gestaltet der Chor richtig und mit großer Intensität. Am besten gefiel dabei: Lasset uns den [Rock] nicht zerteilen, mit sehr guter Artikulation und großer rhythmischer Energie.
Hervorzuheben ist auch das Violoncello mit der ungemein gedankenreichen Alt-Arie (Rena Kleifeld):
Es ist vollbracht, o Trost für die gekränkten Seelen. Hier repräsentiert das Violoncello die große Einsamkeit des sterbenden Jesus. Bach schreibt als Instrument die obertonärmere, näselnde Gambe vor. Ein Violoncello kann mit seinem wärmeren Ton und den viel reicheren Obertönen aber diese nicht vertreten.
Eine gelungene Darstellung ist das Bass-Solo von Rafael Bruck
Mein teurer Heiland, lass dich fragen. Es ist eine der ganz außergewöhnlichen Arien der Passion, in der Bach durch das Intervall der Sext seine Liebe zu Jesus kundtut. Diese singt Rafael Bruck mit rundem, wohltönendem Bass ungemein eindrucksvoll (er vergisst auch nicht die Triller!). Dabei verleihen die Pianoeinwürfe des Chors dem Geschehen einen geradezu überirdischen Glanz. Vor dem emphatischen Schlusschor Ruht wohl, ruht wohl ihr heiligen Gebeine hat Bach noch eine Sopranarie eingefügt, die der Passion eine gewichtige menschliche Note verleiht: Zerfließe, mein Herze, in Fluten der Zähren. Julia Reckendrees zeigt hier in seelenvollem Vortrag ausgeglichene Dynamik und genaue Beachtung des anapästischen Rhythmus.
Mit Recht erhielten alle einen langanhaltenden Applaus.

Dr. Olaf Zenner

Anmerkung KJM: Redigierte Text-Fassung, Bass-Solistennamen korrigiert.