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Samstag 9. Juni 2018 in der Kölner Philharmonie
Carmina Burana
und
Pomp & Circumstance
Englische Krönungsmusik

Agnes Lipka, Sopran • Rena Kleifeld, Alt
Bernhard Schneider, Tenor
Christoph Scheeben, Bass
KölnChor • Rheinischer Kammerchor Köln
Staatsorchester Rheinische Philharmonie
Leitung: Wolfgang Siegenbrink

Hubert Parry: I Was Glad (1902)

Thomas Arne: Rule, Britannia!
aus: Alfred (1740)

Edward Elgar: Coronation Ode
op. 44 (1901/02, rev. 1911) für Soli, Chor und Orchester • Text von Arthur Christopher Benson

Carl Orff: Carmina Burana
Cantiones profanae (1934–36)
Lieder aus der Benediktbeurer Handschrift in lateinischer, altdeutscher und altfranzösischer Sprache für Soli, gemischten Chor, Kinderchor und Orchester
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Foto: © Karin Moschinski
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KölnChor und Rheinischer Kammerchor in der Philharmonie

„Rule Britannia” fürs Gemüt

Es gibt Konzertprogramme, denen, so sie nicht ganz unzulänglich exekutiert werden, Wohlwollen und Beifall des Publikums sicher, quasi eingebaut sind. Solchermaßen warf jetzt Wolfgang Siegenbrink in der Kölner Philharmonie mit der Wurst nach der Speckseite: Mit seinen Singformationen KölnChor und Rheinischer Kammerchor sowie dem begleitenden Staatsorchester Rheinische Philharmonie führte er — vor den Orff'schen „Carmina Burana“ — „Last Night of the Proms“-trächtig britische Krönungsmusiken von Hubert Parry, Thomas Augustin Arne und Edward Elgar auf.
Die klingen nicht nur allesamt pompös, weihevoll und erhebend, sondern warten auch gleich mit zwei inoffiziellen Nationalhymnen auf: mit „Rule Britannia“ im Fall des hier sinfonisch aufgedonnerten Schlusschores mit Solo aus Arnes Oper „Alfred“ und mit „Land of Hope and Glory“ im Fall von Elgars „Coronation Ode“, in die der Komponist das langst berühmt gewordene Trio aus dem ersten Marsch von „Pomp and Circumstance“ eingebaut hatte. Der komplette Marsch erklang dann zu später Stunde noch einmal als Zugabe.
Bemerkenswert ist allemal, wie skrupellos konservativ — sprich: mit deutlicher Orientierung an Händel und Mendelssohn -— es in der britischen Musik im frühen 20. Jahrhundert zuging, sobald Königskrönungen in Westminster zu rahmen waren.
Der vereinigten Chormasse auf dem Podium aber frommte dieser Grundklang ganz offenkundig: gemessene Würde, ein großer pathetischer Breitwandsound, weitgespannt-eingängige Melodik ohne diffizile kontrapunktische Verarbeitung — all das kam auch dann angemessen und wirkungsvoll herüber, wenn in Sachen Singkultur, Intonation, Textdeutlichkeit und interner Differenzierung einiges diffus und auf der Strecke blieb.
Die Staatsphilharmonie aus Koblenz bewährte sich auf einem ordentlichen Mittelklasse-Standard, und weithin erfreulich waren die Solistenleistungen (mit Rena Kleifeld, Alt; Bernhard Schneider, Tenor; Christoph Scheeben, Bariton), unter denen, was Power und Strahlkraft anbelangt, die Sopranistin Agnes Lipka herausragte.
Sie — die Solisten — bewährten sich darüber hinaus (teils, etwa beim gebratenen Schwan, in angemessen parodistischer Zurichtung ihrer Partien) in den „Carmina Burana“, wo KölnChor und Rheinischer Kammerchor noch in ausgesuchten Stücken durch den Oberstufenchor des Hansa-Gymnasiums ergänzt wurden. Selbst wenn auch hier manches nur ungefähr klappte — aufs Ganze gesehen entfalteten die Ausführenden doch einen beachtlichen perkussiven Drive. Der Verfasser dieser Zeilen bekennt jedenfalls, von den Orffschen Formeln noch eine ganz Nacht lang verfolgt worden zu sein.
(Markus Schwering / Kölner Stadt-Anzeiger)


Zischende Konsonanten

KölnChor und Rheinischer Kammerchor mit den „Carmina Burana”

„Britain first“, so ließe sich der Text von „Rule Britannia“, der Hymne aus der Feder von Thomas Arne, knapp zusammenfassen. Vor die nicht ganz abendfüllenden Orff’schen „Carmina burana“ setzte Chorleiter und Dirigent Wolfgang Siegenbrink nationale britische Musiken im Trump-Format.
Die seltene Begegnung mit diesen Werken resultiert auch aus der zu leistenden, hier für die Carmina aufgestellten Großbesetzung. Und so war es ebenfalls opportunistisch, dass Siegenbrink als Zugabe Elgars Marsch aus „Pomp and Circumstance” mit seinem Riesenchor nachlegte.
So durfte die gut besuchte Philharmonie auch ein Werk von Charles Hubert Hastings Parry kennenlernen: „I Was Glad“ erklang 1902 zur Krönung von Edward VII. und Königin Alexandra, eine Musik zwischen Bläsersturm und A-cappella-Satz, das war gut inszeniert: Edward Elgar hatte die Instrumentierung geleistet.
Nach „Rule, Britannia” mit der frisch vortragenden Sopranistin Agnes Lipka stand dann Elgars „Coronation Ode“ an. In diesem oratorienhaften Werk verwebt Elgar sattsam mögliche Farben. Es war ein Genuss, die Formenvielfalt und die wechselnden Stimmungen in dieser sehr abwechslungsreichen Musik zu erleben. Doch eigentlich ging es ja um Carl Orff und seine bäuerlichen Lieder. Ein Repertoire-Stück aller Chöre, das doch immer wieder gut vorbereitet werden muss.
Becken und Tamtam
Denn alle zischenden Konsonanten aus den schnellen Texten in verschiedenen Sprachen sind rhythmisch ebenso wirkungsvoll angelegt wie die Partitur für die aufwändige Becken-, Tamtam- und Trommelabteilung im Orchester. Hier lebte in der Rolle des gebratenen Schwans der Solotenor Bernhard Schneider mit einer kleinen Spielszene auf, was den gesamten Klangapparat angenehm entspannen ließ. Bariton Christoph Scheeben gab dann den Abt von Kukanien — ein heiterer Akzent.
KölnChor und Rheinischer Kammerchor mit Verstärkung durch den Oberstufenchor des Hansa-Gymnasiums setzten die Carmina engagiert um, das Staatsorchester Rheinische Philharmonie spielte auf gutem Niveau. Wolfgang Siegenbrink am Pult konnte rundum zufrieden sein. Das Publikum war begeistert.
(wei / Kölnische Rundschau)


Bezwingende Programmwahl

Für das jüngste Kölner Chorkonzert hatten sich KölnChor, Rheinischer Kammerchor und ihr beider Dirigent Wolfgang Siegenbrink ein ungewöhnliches, attraktives Programm ausgedacht. Das Hauptwerk des Abends, Carl Orffs „Carmina Burana“, reflektiert das Glücksrad des Lebens, wie es auf Illustrationen im Kloster Benediktbeuern dargestellt ist. Für den Vorpausenteil wählte man als Leitmotiv das oberste Segment dieses Rades: „Regno“ – „Ich herrsche“. Diese Worte sind – heute zumal - weltweit unterschiedlich deutbar. Im British Empire mit der dienstältesten Königin aller Zeiten eignet ihnen eine besonders patriotische Note. Das spiegelte die Werkwahl: Hubert Parrys „I Was Glad“, Thomas Arnes „Rule Britannia“ sowie Edward Elgars „Coronation Ode“.
Eine Zeit lang galt die Behauptung, der Mangel an bedeutenden englischen Komponisten seit Henry Purcell sei erst durch Benjamin Britten aufgehoben worden. Doch auch Arne und Parry sind als eindrucksvolle Namensstationen anzusehen, und über die immense Bedeutung von Elgar herrscht heute längst kein Zweifel mehr. Das Cellokonzert, die Enigma-Variationen oder auch das Oratorium „Der Traum des Gerontius“ sind zu Stützpfeilern des internationalen Repertoires geworden. In die Herzen seiner Landsleute hat er sich aber vor allem (und wohl auch etwas einseitig) mit „Land of Hope and Glory“ eingeschrieben.
Die Melodie mit ihren Sekundschritten ist nicht eigentlich spektakulär zu nennen, besitzt aber emotionale Stärke, natürlich auch durch die Anbindung an einen hochgestimmten Text. Man muss sich nur die „Last night oft the Proms“ in der Londoner Royal Albert Hall vor Augen führen, um die nachgerade narkotische Wirkung auf die Zuhörer zu erkennen. Ganz England scheint an solch einem Abend auf den Beinen - im Fernsehen erlebt man auch die Publikumsreaktionen im Hyde Park, im Singleton Park Swansea oder auch beim Castle Cole Enniskillen. Da borden Gefühle einfach über. Ein wenig davon war auch in der Kölner Philharmonie zu spüren, als „Pomp and Circumstance Nr. 1“ als (rhythmisch leicht verhedderte) Zugabe erklang, wo „Land of Hope and Glory“ ja den krönenden Abschluss bildet. Wolfgang Siegenbrink forderte ausdrücklich zum Mitsingen auf.
Elgar war sich der Wirkung seiner musikalischen Eingebung fraglos bewußt, denn in der „Coronation Ode“ wird die Melodie bereits in der dritten Strophe der Introduktionsnummer intoniert, welche den Frieden besingt. Das Publikum reagierte mit verfrühtem Beifall, was den Dirigenten zu einer kurzen, freundlichen Ansprache an das Auditorium bewog, eine bislang noch nie erlebte Maßnahme. Sie zeigte jedoch, daß für das Musikhören auch eine gewisse Etikette zu fordern ist. Aber für die (vermutlich auch stark familiäre) Hochstimmung muss man auch wieder Verständnis aufbringen. Und sie galt sicher auch den kernig intonierenden Chören, welche das Werk, durchgehend souverän unterstützt vom Staatsorchester Rheinische Philharmonie, kompetent zum Besten gaben. Siegenbrink erwies sich als animierender, versiert steuernder Pultmatador.
Die Werke von Parry und Arne gelten kompositorisch nicht unbedingt als bedeutend. Aber diese Einschätzung hat sich im Laufe der Zeit modifiziert, wobei die Phonoindustrie vielfach ihre Hände im Spiel hat. So ist das CD-Repertoire von Parry im Moment ausgesprochen umfangreich. Auswirkungen auf das öffentliche Konzertleben sind damit aber nicht unbedingt verbunden. Arnes Wirken wiederum wurde zu seiner Zeit nicht wenig von der Londoner Präsenz Georg Friedrich Händels beeinträchtigt. Aber „Rule Britannia“ – Schlußgesang seiner Oper „Masque of Alfred“ – ist in den Herzen der Engländer fest verankert. Es handelt sich um ein Chortableau von vier Strophen mit nachfolgenden Refrains. Die Soli nahm Agnes Lipka mit ihrem ausgesprochen klangvollen Sopran wahr.
In Orffs „Carmina Burana“ verbinden sich melodische Einfachheit und orchestrale Raffinesse, wobei der Wiederholungscharakter vieler Nummern von Orff bewusst anvisiert wurde. Die Instrumentation ist schlagkräftig, raffiniert, farbig und suggestiv. Die beiden anderen Teile des Triptychons – „Catulli Carmina“ und „Trionfi di Afrodite“ – können da nicht mithalten. Dennoch sollte man den Dreiteiler durchaus einmal ins Auge fassen. Sicher lässt sich eine noch schlagkräftigere und klangraffiniertere Widergabe der „Carmina“ vorstellen, als sie sie unter Wolfgang Siegenbrink offeriert wurde. Aber alleine die Probenzeit mit dem Gastorchester dürfte eine limitierte gewesen sein. Ungeachtet kleinerer Mängel: Orffs Musik kam zu ihrem Recht und bestach einmal mehr durch ihre unglaubliche Vitalität.
Agnes Lipka erfreute neuerlich ihrem attraktiven Sopran (bei leichten Höhengrenzen im zweiten „Dulcissime“). Nach seinen schönstimmigen Soli bei Elgars „Coronation Ode“ hatte Bernhard Schneider jetzt nur eine kurze Szene. Die Klage des in der Pfanne brutzelnden Schwanes erfordert Falsett-Versiertheit; da fehlte es dem Sänger ein wenig an entsprechender Kondition. Dem tenoral gefärbten Bariton von Christoph Scheeben wäre mitunter etwas mehr Volumen zu wünschen gewesen, doch in toto bot er eine überzeugende Leistung. Lediglich bei Elgar war die Altistin Rena Kleifeld mit von der Partie und erfreute mit ihrem wohlgerundeten, ausdrucksvollen Organ. Bei Orff wirkte noch der Oberstufenchor des Kölner Hans-Gymnasiums mit.
(Christoph Zimmermann / deropernfreund.de 10.6.2018)